Die religiöse Landschaft Österreichs ist voll im Wandel. Kaum wo fällt das so auf wie in Wien. Aber selbst in ländlichen Gegenden leben heute Menschen unterschiedlicher Religionen. Wie sieht deren Miteinander aus? Leben sie nur nebeneinander? Oder gar gegeneinander? Gelingt ein echtes Miteinander? In vielen Teilen der Welt gibt es Konflikte, die auch religiöse Hintergründe haben. Besonders dramatisch ist die Lage in Syrien. Der blutige Konflikt hat viel mit politischen Gegensätzen zu tun, aber auch mit religiösen. Betroffen sind vor allem die Christen. Oft hören wir auch von Angriffen radikaler Islamisten auf Christen in Nigeria. Von anderen Konfliktherden ist selten die Rede: Zum Beispiel vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg zwischen buddhistischen Singhalesen und hinduistischen Tamilen in Sri Lanka. Österreich ist im friedlichen Zusammenleben der Religionen ein von vielen beneidetes Vorbild.
Aber was ermöglicht diesen inneren Religionsfrieden? Ist es nur eine Haltung des "leben und leben lassen"? Oder gar religiöse Gleichgültigkeit ("Es soll jeder nach seiner Facon glücklich werden")? Das gute Einvernehmen der Religionen in unserem Land ist nicht selbstverständlich. Es muss gepflegt werden. Wir müssen es wollen und das Unsere dafür tun.
Das heutige Evangelium ist sozusagen ein Lehrstück für das gute Zusammenleben der Religionen. Der Hauptmann, der Jesus um Hilfe und Heilung für seinen Diener bittet, ist ein Heide. Er teilt nicht die Religion der Mehrheit, die Juden sind. Aber er benutzt seine militärische Machposition nicht dazu, die Leute zu unterdrücken. Er zeigt Respekt, ja ausgesprochenes Wohlwollen den Juden gegenüber. "Er liebt unser Volk und hat uns die Synagoge gebaut", so bezeugen es die jüdischen Oberen.
Das Erste, was ich aus diesem Evangelium für das religiöse Zusammenleben entnehme, ist der gegenseitige Respekt, die Achtung vor dem Anderen, ja das gegenseitige Wohlwollen. Der heidnische Offizier zeigt echte Sympathie für die Religion der Mehrheit der Bevölkerung. Er achtet ihre religiösen Gefühle. Das zeigt sich auf sehr berührende Weise darin, dass er Jesus ausrichten lässt: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eintrittst unter mein Dach." Er weiß, dass es für gläubige Juden nicht erlaubt ist, in das Haus eines Heiden zu gehen. Er macht sich nicht lustig über solche religiösen Vorstellungen und setzt sich über sie hinweg. Er ist ein Vorbild für das gelebte Miteinander.
Aber seine Haltung ist mehr als nur Respekt. Der Hauptmann ist auch ein großes Vorbild des Glaubens. Er vertraut, dass Jesus die Macht hat, seinen Diener zu heilen. Nichts kann dieses Vertrauen erschüttern. Aus Achtung vor Jesus bittet er ihn, sich nicht zu ihm zu bemühen. Er sei es gar nicht wert, dass Jesus zu ihm komme. Er brauche nur ein Wort zu sagen, dann werde sein Diener schon gesund. Als Offizier sei er gewohnt, Kommandos und Befehle zu geben. Ebenso möge Jesus einfach Order geben, dann werde sein Diener gesund. Was Jesus auch tut.
Jesus sagt nun ein großes Wort: "Solchen Glauben habe ich bei uns nicht gefunden!" Das religiöse Miteinander gelingt nur, wenn wir ehrlich staunen über echten Glauben bei Menschen anderer Religionen.